Autor Thema: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog  (Gelesen 2244 mal)

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MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« am: 04. Dezember 2019, 14:39:28 »
MVB startet Ausbildungsblog: Vom Laboranten zum Straßenbahnfahrer


Johannes Lauf vor dem Fahrschulwagen

Wir gewähren ab sofort Einblicke in die Ausbildung eines Straßenbahnfahrers. Im neuen MVB-Blog „Fahrtenschreiber“ berichtet Lehrling Johannes über seine Erlebnisse in der Fahrschule.

Vom biologisch-technischen Assistenten zum Straßenbahnfahrer: Johannes Lauf wollte seinem Leben eine neue Perspektive geben und hat sie bei der MVB gefunden – er erlernt das Straßenbahnfahren.
Auf dem langen Weg von der Schulbank auf den Fahrersitz lässt er nun alle teilhaben. Im neuen Online-Blog der MVB berichtet der 29-Jährige Familienvater von seinen Erfahrungen in der Fahrschule. Vom Einstellungstest bis zur ersten Gefahrenbremsung mit der „Bimmel“- Johannes Lauf spart keine Details aus.

Der neue Blog der MVB ist unter www.mvb-fahrtenschreiber.de zu finden.

Quelle: https://www.mvbnet.de/mvb-startet-ausbildungsblog-vom-laboranten-zum-straszenbahnfahrer/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #1 am: 04. Dezember 2019, 14:41:08 »
Wie alles begann

Dies hier ist der Anfang einer Geschichte, die sich in den nächsten Monaten und Jahren noch fortsetzen soll. Es ist meine Geschichte, die eines Quereinsteigers, der beschlossen hat, seinen gelernten Beruf an den Nagel zu hängen, um etwas gänzlich anderes zu machen.



Mein Name ist Johannes Lauf, ich bin 29 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, verheiratet und komme aus Magdeburg. Nach meiner Schulzeit entschied ich mich aus gesundheitlichen Gründen gegen eine Lehre als KFZ-Mechatroniker und wurde stattdessen biologisch-technischer Assistent (im Volksmund auch schlicht „Laborant“). Die Ausbildung war umfangreich, dauerte zwei Jahre, und gleich in der Berufsschule bekam ich die Information: „Wenn Du lange in dem Job arbeiten willst, geh‘ am besten nach Bayern oder Baden-Württemberg. Hier in Norddeutschland ist es schwer, was zu finden.“

Derart motiviert entschloss ich mich, mich nach der Ausbildung freiwillig zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr zu melden. Wer weiß denn schon, wann man später eingezogen wird? Und Vorsicht ist immer besser, als das Nachsehen zu haben, dachte ich mir. Beim „Bund“ verbrachte ich dann einprägsame neun Monate mit vielen freundlichen Menschen in meinem Alter. Die strikte Hierarchie gefiel mir allerdings ebensowenig, wie das Ausführen von für mich unnötig scheinenden Aufgaben. Aus diesem Grund hielt es mich dort nicht unnötig lange und ich war nach einem kalten Winter und einem entspannten Frühling in meiner Stammeinheit wieder Zivilist. Endlich!

Es verschlug mich danach wieder in meine Heimatstadt Magdeburg und dauerte auch nicht lange, bis ich, mithilfe einiger Beziehungen, meinen ersten Arbeitsvertrag bei einer großen Gesundheitseinrichtung unterschrieb. Im Labor galt es, sich in die mir noch unbekannte Welt des Arbeitslebens einzufinden. Haushalt, Arbeit und Beziehung musste man nun lernen, in Einklang miteinander zu bringen. Der Job an der bench (engl. für „Laborbank“) forderte von mir immer mehr Konzentration als Erfüllung und so blieb ein um das andere Mal nur ein anstrengender Tag zurück.

Das war 2011. Nun, acht Jahre, unzählige befristete Verträge und einige Ideen später, bot sich die Möglichkeit, sich beruflich neu zu orientieren. Viele Abende grübelte ich darüber, was mir am meisten Spaß bereiten würde. Noch einen Job, der mehr Stress als Freude machte, wollte ich nicht.



Als Kind fuhr ich immer mit der Straßenbahn zur Schule. Meine Eltern wohnten damals in Reform und ich besuchte die Schule am Westring, wodurch meine Route zuerst mit dem 57er Bus bis nach Sudenburg und von dort mit der Linie 1 zum Westring führte. Ich kann mich heute noch gut an die Mercedes-Busse erinnern, die sich am ehemaligen Oberleitungsbus-Depot an der Brenneckestraße vorbei, den Walmbergsweg hinauf schlängelten. Am meisten war ich aber immer von den Tatra-Straßenbahnen begeistert. Das Heulen der Lüfter, die klapprigen Falttüren, der Geruch nach Öl und Graphit und natürlich das charakteristische, laute „Klack“-Geräusch beim Beschleunigen. Viele Stunden drückte ich mir so an der Scheibe zur Fahrerkabine die Nase platt und war dann fast etwas traurig, als die neuen Bahnen kamen.

All diese Dinge fielen mir im Herbst 2018 wieder ein, und es war ein wirklich tolles Gefühl! Als Magdeburger mit Familie mochte ich natürlich hier bleiben, weshalb ich mich dazu entschloss, eine Bewerbung als Straßenbahnfahrer bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben einzusenden um vielleicht mal auf der anderen Seite der Scheibe der Fahrerkabine zu sitzen. Wer weiß, vielleicht steht ja auch mal ein kleiner Enthusiast an meiner Scheibe?

Wie es weiterging, möchte ich euch auf den kommenden Seiten berichten. Ich schreibe alles so, wie ich es selbst empfinde, was bedeutet, dass jemand anderes eventuell andere Erfahrungen gemacht haben kann. Ungeachtet dessen soll dieser Blog, diese Geschichte, ein Einblick in mein Arbeitsleben auf dem Weg an den Sollwertgeber sein und allen Interessierten Spaß am Lesen bieten.

Auf bald! Euer Johannes

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2019/11/18/wie-alles-begann/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #2 am: 04. Dezember 2019, 14:42:16 »
Die Bewerbung



Im Frühjahr 2019 schickte ich meine Bewerbung an das Personalbüro der Magdeburger Verkehrsbetriebe. „Ich mach‘ das jetzt einfach!“ las ich oft auf den Werbeplakaten der MVB in der Innenstadt Magdeburgs und diesen Spruch hatte ich auch im Hinterkopf, als ich meine Mail verfasste.

Zuvor hatte ich mich natürlich reichlich mit dem Thema „Straßenbahnfahrer sein“ befasst. Privat bin ich viel bei dem Onlinenetzwerk Twitter unterwegs und da begegnete ich zufällig einem Straßenbahnfahrer, dem ich im Laufe der Zeit all meine Fragen zum Thema stellen konnte: „Wie sehen Schichten im Fahrdienst aus? Warum hast du dich dort beworben? Was magst du, was nicht?“ und unzählige weitere Fragen durfte ich ihm stellen und bekam dankenswerterweise immer sehr hilfreiche Antworten. Nachdem ich meine Unterlagen eingereicht hatte, musste ich eine Zeit lang warten, bis ich eine Antwort von der MVB bekam.

Gut erinnere ich mich noch heute, wie positiv überrascht ich war, als ich in dem Brief eine Einladung zu einem Workshop im Betriebshof Nord in Rothensee bekam. Diesen Workshop empfand ich als einen sehr gelungenen Versuch der MVB, die Menschen hinter den Bewerbungsmappen zu sehen und damit den sehr förmlichen Bewerbungsprozess menschlicher zu gestalten. Ich hatte nie das Gefühl, im Raum mit 21 unbekannten Menschen zu sitzen. Es bot sich einem die Möglichkeit die anderen Bewerber kennenzulernen und nebenbei auch noch einiges über sich selbst zu erfahren. Die Erfahrungen dieses Tages werden mir bestimmt auch noch in der Zukunft behilflich sein können.

Mein persönliches Highlight war an diesem Tag natürlich der neue Straßenbahn-Fahrschulwagen, den sich alle Teilnehmer ausführlich ansehen durften. Zum ersten Mal auf dem Fahrersitz sitzend, begann ich mich für ein paar Minuten in die Welt der Straßenbahnen zu denken.

Diesen durchweg positiven Eindruck bestärkten auch die beiden MVB-Mitarbeiter, die alle Fragen zur Ausbildung und zum Beruf geduldig und sehr gut beantworten konnten. Der Tag in Nord klang dann nachmittags mit einem Resümee aller Mitstreiter aus. Mit einem der Teilnehmer (der nun in der Ausbildung auch mein Sitznachbar ist) hatte ich fortan sogar privat Kontakt.

Nach diesem eindrucksvollen Tag im Mai verging wieder etwas Zeit, bis mich erneut eine Einladung erreichte. Dieses Mal zum Vorstellungsgespräch in die Otto-von-Guericke Straße, wo sich im Verkehrshaus – dem Hauptverwaltungsgebäude – die Personalabteilung befindet. Danach war ich natürlich ziemlich aufgeregt und konnte es kaum Abwarten, meinen ganzen Enthusiasmus zum Besten geben zu können.

So kam es dann auch, dass mir einem sonnigen Tag im Juni vier sympathische Mitarbeiter der MVB gegenübersaßen. Der Moment, in dem sich alles entscheiden würde, war endlich da. So viele Male ging ich diese Situation in Gedanken durch. „Was ist, wenn das nicht klappt?“, war immer einer der größten Bedenken. Vollkommen unnötiger Stress, stellte sich kurz darauf heraus. Die Zusage zur Ausbildung zum Straßenbahnfahrer im Herbst gab mir nach dem Gespräch der Leiter der Abteilung Betrieb, Herr Wilke. Dabei muss ich vermutlich ziemlich freudestrahlend ausgesehen haben. „Endlich ist es geschafft!“ ging es mir durch den Kopf, als ich kurz darauf wieder an der Haltestelle stand.

Fortlaufend fragten mich nun Verwandte und Freunde, was denn nun nach meinem befristeten Vertrag im Labor sein würde. Von meiner Bewerbung wusste ja bis dato kaum jemand. Die Antwort „Ich darf Straßenbahnfahrer werden!“ sorgte immer wieder für die erstaunte und doch positive Nachfrage: „Das ist ja etwas ganz anderes! Wie kam es dazu?“ Das ist der Grund, meinen Werdegang in diesem Blog festzuhalten und mit allen Interessierten zu teilen.
Vielleicht sehen wir uns ja auch bald „auf der Strecke“, also unterwegs im Fahrdienst? Es würde mich freuen!

Euer Johannes

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2019/11/25/die-bewerbung/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #3 am: 04. Dezember 2019, 14:46:13 »
Der erste Tag

An meinem ersten Ausbildungstag, gegen acht Uhr, stehe ich an der Haltestelle bei mir zu Hause. Es ist zum ersten Mal nach dem Sommer richtig kalt, aber die Sonne scheint, der Himmel ist blau und ich bin ziemlich aufgeregt. Wie werden wohl die Kollegen sein? Wie ist der Fahrlehrer drauf, streng oder locker?


Betriebshof Sudenburg in der Halberstädter Straße

Meine Bahn ist pünktlich und bringt mich, nach einem Umstieg am Hauptgebäude der Magdeburger Verkehrsbetriebe, nach Sudenburg, wo sich das Museumsdepot befindet. Hier werde ich die nächsten fünf Wochen noch mal die Schulbank drücken.

Die roten Backsteingebäude mit den großen Toren der Wagenhalle leuchten in der Morgensonne. Nasses Laub liegt überall herum, ein paar Menschen eilen vorbei. Auf dem kleinen Gelände befinden sich erstaunlich viele Einrichtungen der MVB, wie beispielsweise ein Teil der IT- und Technikabteilung oder auch die Abteilung Aus-, Fort-, und Weiterbildung, also die Fahrschule. Ich laufe durch die kleine Tür neben der Einfahrt auf das Gelände, vorbei an alten Haltestellenschildern und Gleisstücken, bis zur Eingangstür des ersten Hauses.

In einem kleinen Raum im Erdgeschoss des Backsteinbaus an der Straße bin ich am Ziel angekommen. Ein paar Tische stehen aneinandergereiht, winkelförmig um einen Schreibtisch mit einem Computer darauf. Dahinter ein Smartboard. Ringsherum stehen kurze Stücke von verschiedenen Schienentypen in einem Wandregal, große Signalzeichen hängen an der Wand und direkt hinter dem Schreibtisch des Fahrlehrers leuchtet die erste Folie der Präsentation für die neuen Fahrschüler, uns.


Außenansicht der MVB-Fahrschule

Wir, das sind insgesamt neun Personen, acht Fahrschüler als Quereinsteiger und ein Mitarbeiter aus dem Busbereich, der nun auch auf die Schienen möchte und an unserem Durchgang teilnimmt. Zur Begrüßung gibt es eine Vorstellungsrunde aller Kollegen, angefangen bei unserem Fahrlehrer. Detlef Strauchmann ist ein freundlicher Mann mit Brille, dessen langjährige Erfahrung im Bus- und Straßenbahnbetrieb sich unter anderem in zahlreichen Anekdoten aus dem MVB-Alltag bemerkbar macht. Als waschechter Magdeburger scheint er so ziemlich jeden Winkel und jede tückische Stelle auf den Straßen der Landeshauptstadt zu kennen.

Vor mir auf dem Tisch liegt ein Stapel aus Büchern und Heftern. Darin sind sowohl alle wichtigen Unterlagen für den Arbeitsalltag als Straßenbahnfahrer, als auch der Lernstoff für den theoretischen Unterricht. In einem sichtlich mitgenommenen Buch, auf dessen Cover der ehemalige, rote Tatra T4D Fahrschulwagen zu sehen ist, sind zum Beispiel alle Theorie-Fragen abgedruckt. Der Katalog ist extra für die Magdeburger Ausbildung angefertigt worden und hat offensichtlich schon vielen Menschen den Weg auf den Fahrersitz erleichtert.


Schulungsraum der MVB-Fahrschule

Nach den ersten Themen und etwas Organisatorischem, fühle mich gut auf das noch Kommende vorbereitet und bereue es wirklich nicht, mich als Straßenbahnfahrer beworben zu haben. Der Aufbau der Ausbildung (die im Vergleich zur dreijährigen Ausbildung „Fachkraft im Fahrbetrieb“ nur drei Monate dauert) gliedert sich in drei Abschnitte:

        - Theorie à fünf Wochen, mit abschließender Prüfung
        - Praxis à fünf Wochen, ebenfalls mit abschließender Prüfung
        - 15 Lehrfahrten im Linienbetrieb und mit Fahrgästen

Danach darf man dann selbstständig Straßenbahn fahren und die Fahrgäste zur Arbeit, Schule und nach Hause bringen.

Das Tempo der Ausbildung ist beeindruckend schnell und ich überlege kurz, ob ich das wirklich schaffe. Meine neuen Kollegen sind allesamt freundlich, gut gelaunt und der Leitsatz unseres Ausbilders: „Es gibt keine dummen Fragen!“. Somit bin ich jetzt also zuversichtlich, den Weg an den Sollwertgeber zu meistern.

Eine lustige Sache nehme ich aus dem ersten Tag mit: Der erste Sitzplatz in der Bahn, gleich an Tür 1, ist der Stockentenplatz. Humor hat man jedenfalls, unter Straßenbahnern.

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2019/12/02/der-erste-tag/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #4 am: 13. Dezember 2019, 14:45:02 »
Update aus der Ausbildung

Es sind jetzt schon 14 Tage vergangen, seit dem ich meine Ausbildung begonnen habe. Viele Stunden verbrachten wir acht Quereinsteiger schon im Schulungsraum der Fahrschule in Sudenburg. Es ist also Zeit, für ein kleines Update.

Thematisch drehte sich der Unterricht in den letzten Stunden um die internen Richtlinien der Magdeburger Verkehrsbetriebe, die Wiederauffrischung des Wissens über die Straßenverkehrsordnung und um erste technische Grundlagen.


MVB Fahrschulwagen

Meine Kollegen sind alle sehr motiviert bei der Sache und so wird der Unterricht immer von teils regen Gesprächen und Nachfragen begleitet. Das gefällt mir richtig gut, denn man merkt, dass alle interessiert daran sind, das Straßenbahnfahren zu lernen.

Eine erste kleine Exkursion durften wir auch schon mitmachen, denn parallel zu unserem Lehrgang führt die Fahrschule unter anderem auch sogenannte Einweisungsfahrten durch. Dabei werden allen Fahrern der neue Streckenverlauf einer Linie gezeigt. Bei einer sochen Fahrt für eine Buslinie durften wir auch mit, getreu dem Grundsatz: „Kundenservice heißt auch, als Straßenbahnfahrer über den Verlauf der Buslinien im Bilde zu sein“. Bei diesem Ausflug lernten wir die Linie 66 (Westerhüsen – Beyendorf/ Sohlen – Bördepark) kennen, die auf kurzen Abschnitten auf Landstraßen verkehrt und somit etwas ländliches Flair in das Streckennetz der MVB bringt.


Die Buslinie 66 verkehrt ab 15. Dezember 2019 zwischen Westerhüsen, Beyendorf-Sohlen und dem Bördepark.

Danach tauchten wir im Unterricht in die „grüne Bibel“ ein – das Handbuch für Mitarbeiter der MVB. Darin findet man alle wesentlichen und wichtigen Informationen zum Fahrdienst in Magdeburg, wie zum Beispiel Verhaltensregeln bei Unfällen, die Signale und natürlich ein paar Betriebsanleitungen. Eben all das, was man bei seiner täglichen Arbeit benötigen wird.

Täglicher Bestandteil der Ausbildung ist auch die Morgenrunde mit Prüfungsfragen. Darin besprechen wir jeden Tag Fragen aus dem Prüfungskatalog. So lassen sich auch gleich viele nützliche Beispiele aus dem Berufsleben unseres Fahrlehrers mit den Antworten der Prüfungsfragen verknüpfen. Die Morgenrunde bereitet mich auch mental gut auf die theoretische Prüfung vor, da einem die Fragen alle schon einmal im Unterricht begegneten. Es erwartet einen also nichts gänzlich Unbekanntes.

Heute gab es wieder etwas praktischen Unterricht, wenngleich noch nicht auf dem Fahrschulwagen. Mit einem rot-weiß-gestreiften, massiven Metallstab (dem Weichenstelleisen) ausgerüstet, konnten wir uns einmal selbst im Stellen von Weichen probieren. Ich war überrascht, wie schwer das ging! Ich musste schon einiges an Kraft in den Armen aufwenden, um die flexiblen Teile der Weiche, die sogenannten Zungen, in die andere Fahrrichtung zu legen.


Während der Ausbildung zum Straßenbahnfahrer wird auch das Weichenstellen geübt.

Aber keine Angst, als Straßenbahnfahrer muss niemand im Dienst ständig aussteigen und Weichen stellen. Das übernimmt normalerweise ein Motor unterhalb der Weiche, der von einem kleinen Computer in der Straßenbahn angesteuert wird. Jede Straßenbahn hat solch ein Gerät und kann damit alle Weichen, die auf dem Linienweg liegen aus einiger Entfernung stellen. Sehr praktisch, wie ich finde.


Ein Blick ins Innere des Fahrstrom-Unterwerks: Übergabetrafo Hochspannung

Für die kommenden Tage stehen, neben dem Theorieunterricht im Schulungsraum, noch ein paar praxisnahe Stunden auf dem Plan. Wir dürfen einen Blick in ein Fahrstrom-Unterwerk werfen. Dort wird der Strom für die Straßenbahnen aufbereitet und in die Oberleitung eingespeist. Außerdem machen wir einen Rundgang über den Betriebshof Sudenburg und schauen uns die historischen Wagen an.

Natürlich nehme ich auch dorthin wieder meine Kamera mit und werde euch davon berichten!

Bis demnächst,
euer Johannes

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2019/12/13/update-aus-der-ausbildung/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #5 am: 26. Dezember 2019, 09:07:30 »
Die Praxisausbildung

Nach ein paar freien Tagen stand nun die theoretische Prüfung an. In den vorausgegangen Unterrichtsstunden konnten wir noch einmal intensiv alle Prüfungsfragen üben und hatten dabei auch viele hilfreiche Tipps von unserem Fahrlehrer. Die Prüfung selbst war dann selbstverständlich etwas förmlicher als unsere Übung im Unterricht, nicht zuletzt auch deshalb, weil vor uns unser Prüfer saß.

Nachdem alle Fragebögen ausgeteilt wurden, begann die schweigsame dreiviertel Stunde. Frage für Frage arbeitete ich mich die Liste entlang, bis ich am Ende angelangt war. Um sicherzustellen, dass ich alles richtig beantwortet habe, ging ich nochmal alles durch. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Nach der Abgabe meiner Fragebögen wartete ich mit den anderen Kollegen zusammen noch einen Moment an der frischen Luft, bis es schließlich an die Auswertung ging. Unser Prüfer ist mit uns alle Fehler noch einmal durchgegangen, um festzustellen, ob diese durch fehlendes Wissen oder Aufregung entstanden sind.

Die Laune in den Bänken war ausgelassen: wir hatten alle bestanden! Als kleines Einstandsgeschenk gab es für jeden eine Warnweste mit Firmenlogo. Die ist übrigens immer Pflicht, wenn man sich während des Dienstes im öffentlichen Straßenverkehr bewegt, zum Beispiel, wenn man mal eine Weiche per Hand stellen muss.

Unsere Warnwesten kamen bei der anschließenden Begehung des Hasselbachplatzes gleich zum Einsatz. Dort konnten wir uns die Funktionsweise der Fahrsignalanlage (eine Ampel nur für Straßenbahnen untereinander) anschauen. Eine praktische Einrichtung, denn dadurch werden die Fahrzeiten der Straßenbahnen verkürzt, was natürlich gut für unsere Fahrgäste ist.

Nach einer spannenden Stunde an der frischen Luft stiegen wir in die nächste Bahn zum Verkehrshaus, dem Hauptsitz der MVB in der Otto-von-Guericke Straße. Hier haben wir einen Einblick in die „heiligen Hallen“ des Betriebsdienstes bekommen: die Leitstelle. In der Leitstelle laufen alle Funkgespräche zusammen, werden Fahrzeuge im Umleitungsfall koordiniert, Unfälle und Störungen bearbeitet und die Stromversorgung überwacht.


Immer jemand da: die Leitstelle.

Hier gibt es immer einen Ansprechpartner für alle Mitarbeiter im Betriebsdienst, wenn man Hilfe braucht oder etwas melden möchte. Die Kollegen der Leitstelle zeigten uns, welche Informationen man zu den einzelnen Fahrzeugen bekommen kann. So sieht man auf den großen Bildschirmen beispielsweise die Verspätung einzelner Wagen, eine Karte, auf der sich farbige Punkte (Busse und Bahnen) bewegen und eine Liste mit ankommenden Funkgesprächen. So können die Disponenten genau im richtigen Moment alle wichtigen Daten bereithalten, sollte es etwa beispielsweise zu einem Unfall gekommen sein.

Gleich am nächsten Tag ging es dann an‘s Eingemachte. Morgens, bei leichtem Nieselregen, trafen wir uns auf dem Betriebshof in Rothensee, ganz im Norden der Stadt. Hier stehen viele der Magdeburger Straßenbahnen über Nacht, bis zu ihrem nächsten Einsatz. Außerdem liegt hier eine von drei Werkstätten. Die Kollegen der Technikabteilung kümmern sich um alles, was mit unseren Straßenbahn zu tun hat, vom Sitz im ersten Wagen bis zum Fahrmotor ist alles dabei.

Nach einer kurzen Besichtigung der Betriebshofwarte gingen wir zu unserem auffälig lackierten Fahrschulwagen. Auf einem Gleis hinter der Werkstatt stand er da im Regen und es schien fast ein wenig so, als würde er schlafen.


Wagen 701 wartet auf den Einsatz.

Ein paar Minuten später saßen wir alle im Fahrzeug an unseren Plätzen, an denen jeweils auch ein kleiner Tisch montiert ist und hörten den Erklärungen unseres zweiten Fahrlehrers, Steven Rausch, zu. Er schilderte uns die Schritte, die nötig sind, damit wir mit dem Wagen 701 – so die interne Bezeichnung unseres Fahrschulwagens – fahren können. Etliche Schritte und ein paar Minuten sind nötig, bis man aus dem kalten, stillen und dunkeln Wagen ein fahrbereites Fahrzeug mit Licht, Geräuschen, Wärme und, vor allem, Antriebskraft gemacht hat.
Jetzt war es endlich soweit! Der Moment, auf den ich schon so lange hingefiebert hatte, war endlich da. Ich durfte zum ersten Mal selbst eine Straßenbahn steuern. Was für ein tolles Gefühl!

Unter den wachsamen Blicken und der detaillierten Anleitung von Herrn Rausch bereitete ich zunächst die Tram für die Abfahrt vor. Dann drückte ich den Sollwertgeber (so heißt das „Gas- bzw. Bremspedal“ der Straßenbahn) nach vorn und mit einem leichten Surren setzte sich die 17 Tonnen schwere Bahn bedächtig in Bewegung. Die erste Fahrt wurde auch prompt mit lautem Geklingel beendet, denn jede Bahn hat eine Sicherungseinrichtung, den sogenannten „Totmann-Schalter“. Dieser muss ständig betätigt werden, sonst bremst die Straßenbahn selbstständig bis zum Stillstand mit einer Gefahrenbremsung. Dadurch wird das Unfallrisiko verringert, wenn der Fahrer einmal in Ohnmacht fallen sollte.

Als Anfänger achtet man darauf natürlich nicht und so bringt einen diese Einrichtung prompt zum Stehen – und das nicht nur ein Mal. Halb so wild, aller Anfang ist schwer. Glücklicherweise war ich nicht allein, denn meinen Kollegen ging es ähnlich. Die Totmannschaltung hörten wir noch einige Male an diesem Tag.



Nachdem wir alle je eine Runde auf dem Betriebshof gedreht hatten, ging es auch auf den ersten Abschnitt im Streckennetz außerhalb des Straßenbahndepots. Hier bekam man zum ersten Mal ein Gefühl dafür, worauf man als Straßenbahnfahrer alles achten muss. Oberleitung, Schienen, Weichen, Signale und, vor allem, andere Menschen und Autos! Eine schier unüberschaubare Menge an Informationen prasselten auf mich ein.

Natürlich kann das niemand auf Anhieb und so war ich sehr froh, dass unser Fahrlehrer immer die richtige Anleitung parat hatte. Immer mit der Hand am Not-aus-Taster saß er neben mir und schaute mit Argus-Augen auf den Straßenverkehr. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt so viel gleichzeitig beachten musste. Dennoch machte es ziemlich viel Freude, mit der Straßenbahn dort entlang zu fahren, wo man bisher sonst nur mit dem Fahrrad oder Auto entlang kam.

An den folgenden Tagen sammelten wir dann die ersten Streckenkenntnisse im Stadtgebiet. Wir fuhren immer im Wechsel von Wendeschleife zu Wendeschleife, wo dann jeweils der nächste an der Reihe war: Barleber See, Neustädter See, Cracau und Diesdorf sind nur ein paar Beispiele für die ersten Ausflugsziele. In Reform standen sogar meine Großeltern an der Haltestelle und haben ein Foto für das Familienalbum gemacht, das hat mich sehr gefreut.

Der Fahrschulwagen wird von uns nach dem Feierabend noch gereinigt, der Sandvorrat wird aufgefüllt und dann darf sich auch „unser“ 701 über in der Wagenhalle ausruhen. In ein paar Wochen werde ich noch mal mehr zu den Betriebshöfen schreiben können, denn dann werden wir eine sogenannte Betriebshofeinweisung erhalten. Nur mit dieser Einweisung darf man sich als Mitarbeiter auf dem Gelände aufhalten.


Links im Bild: das von Max Grimm gestaltete Toilettenhäuschen am Olvenstedter Platz.

Übrigens: Falls ihr euch schon mal gefragt habt, wo man als Tramkutscher sein Bedürfnis verrichten kann: An jeder Wendeschleife gibt es ein WC. Das ist sogar sehr ordentlich, sauber und – vor allem im Winter wichtig – beheizt.

Auf bald!
Johannes

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2019/12/25/die-praxisausbildung/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #6 am: 31. Januar 2020, 15:42:37 »
Die Typenschulung Teil 1

Es sind nun schon ein paar Wochen vergangen, seitdem ich zum ersten Mal eine Straßenbahn selbst fuhr. Inzwischen bin ich mit dem Umgang des Fahrschulwagens vertraut, ich kenne unser Streckennetz ganz grob und, das hätte ich selbst nicht gedacht: ich kann fast alle Straßenbahnhaltestellen auswendig.

Bevor also Langeweile aufkommt (Anm. d. Autors: Das ist ironisch gemeint! ;), ist es Zeit, sich mit den Straßenbahnen zu befassen, die einem dann nach der Ausbildung auch im täglichen Dienst auf der Linie begegnen. Das nennt sich Typenschulung und dient im Wesentlichen dazu, uns Fahranwärter mit den Fahrzeugtypen bekannt zu machen. Dabei sehen und fahren wir alles, was aktuell noch im Liniendienst unterwegs ist. Sehr zu meiner Freude bedeutet das auch, den alten Hochflurwagen-Typ Tatra T6A2 fahren zu dürfen. In diesen bin ich schon als Kind sehr gern mitgefahren, waren sie doch viel seltener, als die Tatras vom Typ T4D (die mit der runden Fahrzeugfront) und vor allem leiser.


Außenansicht des T6A2 bei Nacht

Am ersten Tag der Ausbildungswoche treffen wir uns um 19 Uhr auf dem Betriebshof Nord in Rothensee. Es ist ziemlich kalt und auf dem Gras glitzert der Raureif im Licht der Laternen. Vor dem kalten Wind flüchte ich mich in das Gebäude des Betriebshofwarts, das übrigens rund um die Uhr besetzt ist. Auf den vielen Bildschirmen werden alle wichtigen Infos angezeigt, die der oder die Kollege/in im Dienst benötigt. Der Betriebshofwart ist ein echter Tausendsassa, denn seine Aufgabe besteht darin, die Schnittstelle zwischen Fahrdienst und Werkstatt zu sein. Unter anderem plant er die nächtliche Aufstellung der Züge im Depot für den nächsten Tag, behält die Durchsichtstermine aller Straßenbahnen im Auge und hilft bei Problemen weiter. Außerdem landen hier alle Fundsachen, die in den Bahnen zurückgelassen wurden. Das sind jetzt im Winter vor allem Handschuhe, Mützen, Schals, aber auch Kleingeld und Kugelschreiber. Am nächsten Morgen werden diese dann abgeholt und ins Fundbüro der MVB gebracht.

„Euer Zug steht auf Gleis 9!“ sagt uns Mario Gordziel, der seit kurzem nach einer internen Weiterbildung auch Betriebhofwart ist. Zuvor war er im Fahrdienst tätig und durch ihn bin ich auch auf das Thema Straßenbahnfahren aufmerksam geworden. „Viel Spaß euch und eine ruhige Nacht!“ wünscht er uns und wir verschwinden, bepackt mit „Fahrschule“-Schildern und einem Hocker, in die kalte Dunkelheit des Betriebshofes. Nach ein paar Dutzend Metern stehen wir vor der Falttür einer alten Tatra-Straßenbahn. Ein dezentes, aber beständiges Summen sagt meinen Ohren, dass die Bahn eingeschaltet und beheizt ist. Die Niederflurbahnen parken auf dem Betriebshof übrigens meistens im „Vorheizmodus“, vor allem im Winter. Zum einen wäre es für die Fahrgäste morgens sehr frostig im Wagen und zum anderen kann auch bei einer Tram mal die Batterie leer sein. Beim Vorheizmodus steht die Bahn sozusagen auf „Stand-by“ und wird leicht geheizt. Das Anschalten bzw. Aufrüsten der Bahn dauert aber auch in diesem Modus seine Zeit.

Doch zurück zur alten Dame, der Tatra T6A2. Über einen versteckten Knopf öffnet unser Ausbilder die Tür der Bahn und wir klettern die drei Stufen hinein und hinauf. Der Charme der Innenausstattung erinnert mich an meine Kindheit. Geriffelter Fußbodenbelag aus Gummi, Schalensitze, Dachluken und die urigen orangefarbenen Warnglocken an der Tür sorgen für ein leichtes Nostalgiegefühl.


Der Fahrerarbeitsplatz im T6A2.

Nach einer kurzen Einführung zum Fahrzeug dürfen wir selbst ran. Die Tatrawagen werden, im Gegensatz zu den neuen Bahnen, mit den Füßen gefahren, ähnlich wie beim Auto. So hat man auf den ersten Metern gut damit zu tun, die richtige Kraft zum Drücken der Pedale herauszufinden. Einmal zu fest in die Bremse getreten, macht der Wagen eine Gefahrenbremsung, bei der es laut klingelt, der Sand vor die Räder gestreut und die Magnetschienenbremse angezogen wird. Man steht also ziemlich abrupt und die Kollegen dann gleich neben einem in der Kabine, angetrieben von dem Ruck der Bremsung.

Nachdem jeder das richtige Mittelmaß gefunden hat, wagen wir uns aus dem Betriebshof raus in die Stadt. In den ersten Haltestellen habe ich genug zu tun, mich an die doch sehr ungewohnte Fahrdynamik zu gewöhnen und verpasse meine Haltepunkte. Übung macht den Meister, heißt es so schön und so drehe ich meine Runden durch die Nacht. An jeder Endstelle wird zwischen den Fahrschülern gewechselt, sodass jeder einmal in den Genuss kommen darf, einen der letzten Tatra T6A2 in Deutschland zu fahren.

Mit Fortschreiten der Nacht werden auch die Straßen leerer. An den Haltestellen stehen wenige Menschen und einige sind etwas betrunken. So halten wir zwar, öffnen aber die Türen nicht, damit niemand versehentlich einsteigt. Unsere Bahn düst um zwei Uhr morgens vorbei an dunklen Fenstern, zugeparkten Straßenrändern, Weihnachtsbeleuchtungen und in der Innensadt natürlich auch an der Magdeburger Lichterwelt, die einem bei jeder Vorbeifahrt Freude bereitet.


Die Magdeburger Lichterwelt aus der Perspektive des Fahrer-Arbeitsplatzes

Kurz vor unserer Einfahrt zum Betriebshof werden wir jedoch gestoppt. Ein Rettungseinsatz. Der RTW steht auf der Straße in unserem Gleis. Warnblinklicht, geschlossene Türen und ausgeschaltetes Licht geben uns zu vermuten, dass der Einsatz im Wohnhaus nebenan stattfindet und wir uns auf etwas Wartezeit einstellen müssen. So stehen wir also morgens um halb drei auf der menschenleeren Straße und warten.

Hier wird einer der wenigen Nachteile der Straßenbahn deutlich: Versperrt etwas das Gleis, kann man nicht weiterfahren. Ein Bus hingegen könnte einfach daran vorbeigelangen. So kann es leicht passieren, dass ein Pkw den kompletten Straßenbahnverkehr lahmlegt, weil er zu dicht an den Schienen steht. Das kommt leider sehr oft vor, wenn Menschen ihr Auto parken, um „nur schnell“ zur Bank oder zum Bäcker zu gehen. Dann warten unter Umständen 225 Menschen (so viele Menschen passen in einen NGT!), weil einer unaufmerksam war.

In unserem Fall geht der Rettungseinsatz natürlich vor und wir nicht voran. Glücklicherweise kam dann zeitnah einer der Sanitäter aus dem Gebäude und machte uns den Weg frei. So erreichten wir kurz vor drei Uhr morgens wieder den Betriebshof Nord.

Inzwischen ist alles auf dem Betriebshof mit einer dicken Schicht Raureif überzogen. Am Tor halten wir unseren Zug an. Einer steigt aus und geht zum Telefon, um uns anzumelden. Der Betriebshofwart am anderen Ende der Leitung teilt uns nun ein Gleis zu, auf dem wir unseren Wagen abstellen können. Dort angekommen, versetzen wir die Straßenbahn wieder in ihren leichten Schlaf, in dem wir sie vorfanden. Licht aus, Tür zu, Feierabend.

Bis dahin, Johannes.

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2020/01/30/die-typenschulung_teil_1/

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Re: MVB-Fahrtenschreiber - MVB Ausbildungsblog
« Antwort #7 am: 06. April 2020, 18:22:46 »
Die Typenschulung Teil 2

Am nächsten Tag trafen wir uns wieder um 19 Uhr auf dem Betriebshof Nord, um die nächste Nachtschicht auf dem Tatra T6A2 zu meistern. Da sich der Wagen sehr von den anderen Fahrzeugen des Fuhrparks unterscheidet, sind für die Schulung zwei Tage angesetzt. Dass das richtig so ist, merke ich, als ich zum ersten Mal auf die Bremse trete und feststelle, dass dieser Zug völlig anders reagiert, als jener vom Vortag. Das bedeutet auch: an den ersten Haltestellen muss ich wieder üben, im richtigen Bereich zum Stehen zu kommen.


Nachts stehen die Straßenbahnen auf den Betriebshöfen.

Trotzdem macht es mir große Freude, den „T6“ zu fahren. Schließlich ist er einer der letzten seiner Art in Deutschland und eine kleine YouTube-Berühmtheit, gibt es doch so einige Videos nur von unseren Tatra-Bahnen.

Wenn die Wagen in ein paar Jahren aus dem Liniendienst verschwinden, werde ich vermutlich etwas traurig sein, denn dann ist das letzte Überbleibsel aus meiner Kindheit vergangen. Für unsere Fahrgäste ist das natürlich die beste Option, da der hohe und steile Einstieg weder für ältere Menschen, noch für Rollstühle und Kinderwagen wirklich geeignet ist. Aus diesem Grund fahren die Züge auch nur, wenn kein modernes Fahrzeug auf dieser Linie verfügbar ist, beispielsweise weil es in der Werkstatt steht.

Zum Ende unseres Dienstes müssen wir noch Sand auffüllen. Den verbraucht die alte Tram reichlich, da sie noch nicht so genau dosieren kann wie die neuen Bahnen. So füllen wir Eimer um Eimer in die Kästen. Eimer füllen, zum Wagen gehen, Treppe rauf, einfüllen, Treppe hinunter, zum Vorratsbehälter, Eimer wieder auffüllen – ein kleines Sportprogramm! An Tagen mit viel Laub und Nieselregen kann es vorkommen, dass man etwa 100 kg Sand wuchten muss, einer der Nachteile der alten Bimmel. So viel Sand ist es bei uns nicht, auf gut 25 kg kommen wir trotzdem. Der oder die Kollege/in am nächsten Tag dankt es uns.

    Am dritten Tag unserer Ausbildungswoche lernen wir das Zugpferd der Personenbeförderung in Magdeburg kennen, den NGT 8D.

Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der etwas kryptisch anmutende Name „Niederflurgelenktriebwagen, 8 Achsen, Drehstrommotor“.

Damit ist für den technikaffinen Leser schon viel zum Fahrzeug gesagt. Den meisten Fahrgästen ist es wahrscheinlich total unwichtig, dass ein Wagen 32,9 Tonnen wiegt, 4 x 95 kW Leistung hat, 32 Meter lang und maximal 65 km/h schnell ist. Für sie ist vor allem eines interessant: Es handelt sich um ein fast barrierefreies Fahrzeug mit breiten Türen, großen Fenstern und sehr wenigen Stufen (nämlich genau vier im gesamten Wagen).


Die Abkürzung NGT steht für Niederflurgelenktriebwagen.

Weiterer großer Pluspunkt im Vergleich zu den Tatra-Wagen ist die geringe Lautstärke während der Fahrt. Auf einem neuen Gleis mit Raseneindeckung ist sowohl im Inneren der Bahn, als auch draußen kaum wahrzunehmen, dass man fährt.

    Das birgt natürlich eine Gefahr, nämlich die des „Überhört-Werdens“.

Für viele Menschen gehört es zur Normalität, sich mit Kopfhörern und Musik im Freien zu bewegen. Musik beim Sport, ein Podcast auf dem Weg zur Arbeit, etwas Netflix an der Haltestelle. Für mich als angehender Straßenbahnfahrer sorgt das immer wieder für Schreckmomente, wenn etwa am Hasselbachplatz jemand einfach vor die Bahn läuft, weil er uns wegen der Kopfhörer nicht wahrnimmt. Natürlich sehe ich diese Situationen meist kommen, dennoch muss ich im Falle eines Falles bremsen und im schlimmsten Fall stürzt jemand im Wagen. Deshalb meine Bitte: Schaut in der Nähe von Schienen kurz mal nach links und rechts. Das hilft euch und uns, gefährliche Situationen zu vermeiden.

Auch mit dem NGT unternehmen wir erste Fahrübungen zuerst auf dem Betriebshof. Vorwärts fahren, bremsen, anhalten. Dann durch den Zug nach hinten gehen. Dort befindet sich die sogenannte Rückfahreinrichtung. Von hier aus können wir die Straßenbahn rückwärts fahren. Bei fast 32 Metern Länge wäre das aus der Fahrerkabine vorn ohne Hilfe nicht möglich und ist zudem auch verboten.

    Vor dem Fahrpult stehend, blicke ich auf die vielen Knöpfe und den großen, schwarzen Hebel.

„Eigentlich genau, wie vorn in der Kabine, nur in Miniatur“, schließt unser Ausbilder Steven Rausch seine Erklärung des Pultes ab. Als ich an der Reihe bin, mache ich alles genau so, wie besprochen. Einmal klingeln, dann den Hebel vorsichtig nach vorn drücken. Mit leisem Surren fährt die Tram nun rückwärts. Ich drücke den Hebel weiter nach vorn und die Bahn beschleunigt. 20 Kilometer in der Stunde kommen einem aus dieser Perspektive ziemlich schnell vor. Zum Anhalten ziehe ich den Hebel zu mir. Mit einem satten Ruck bremst der Wagen und ich muss mich schon gut festhalten, um nicht abzurutschen, als die Bahn zum Stillstand kommt.

Dann geht es hinaus auf die Streckengleise – natürlich wieder vorwärts. Der kräftige Motor ist sofort zu merken. Spielend leicht erreiche ich die 50 km/h und bin schon fast etwas zu schnell für die erste Haltestelle. „Fang ruhig eher an, zu bremsen“, rät mir unser Ausbilder. Es geht weiter mit dem Rhythmus: beschleunigen, rollen lassen, bremsen, anhalten. Nach ein paar Minuten klappt es richtig gut mit dem Treffen der Haltepunkte. Was mir gleich auffällt, ist die deutlich niedrigere Sitzposition, als im Fahrschulwagen oder dem T6 (unser Fahrschulwagen ist immerhin aus einem T6 gebaut, weshalb die Sitzposition fast identisch ist).

    Im NGT sitzt man näher am Geschehen und kann in den Haltestellen auch deutlich besser auf Fahrgäste achten, die noch zur Bahn heran geeilt kommen.


Die Sitzposition im NGT ist deutlich niedriger als im T6.

Da wir eine Fahrschule sind, ihr könnt es euch denken, rennen viele Menschen leider vergeblich zu uns, da sie nicht auf die Zielanzeige der Bahn achten und wir müssen sie stehen lassen.

    Apropos Zur-Bahn-Rennen: Wenn ihr mal spät dran seid, rennt bitte nie vorn um die Bahn herum.

An einer Haltestelle in Stadtfeld beispielsweise wollte ich gerade anfahren, da rannte eine junge Frau von links hinten kommend vor den Wagen. Mit einer Gefahrenbremsung konnte ich Schlimmeres verhindern, dennoch schien sie sich der Gefahr nicht bewusst zu sein. Grundsätzlich ist es natürlich am besten, wenn man die Bahn in der Haltestelle wartend erreicht. Manchmal schafft man das nicht und muss einen kurzen Sprint zur Bahn hinlegen, dann rennt am besten hinter der Bahn rum. Vergesst aber nicht, dass es auch noch andere Straßenbahnen gibt, die ein paar Minuten später von gleicher Stelle aus in dieselbe Richtung fahren. 😉


Fahrschule im NGT

Zum Feierabend wiederholt sich die Prozedur der Vortage. Sand füllen, bei der Leitstelle abmelden, in den Betriebshof fahren, beim Betriebshofwart anmelden, Zug abstellen und alles ausmachen. Fast alles, denn die Heizung bleibt natürlich auf niedriger Stufe („Vorheizmodus“) an. Und dann endlich Feierabend. An diesem Tag hat mein Bett übrigens ziemlich laut nach mir gerufen, denn ich war sehr müde.

Wie das Fahren mit einem großen Zug (NGT mit einem Beiwagen) ist und was man in der neuesten Straßenbahngeneration für tolle Neuerungen eingebaut hat, erfahrt ihr in Teil 3 der Typenschulung.

Bis dahin!
Johannes

P.S.: Schon gewusst? Bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben gibt es insgesamt 83 Züge vom Typ NGT. In den Städten Braunschweig, Darmstadt und Gera fahren Straßenbahnen, die denen hier in Magdeburg sehr ähnlich sind. Einfach ausgedrückt sind es „Geschwister“, die sich vor allem in der Breite und Länge der Wagenkästen sowie in der Leistung unterscheiden.

Quelle: https://www.mvb-fahrtenschreiber.de/2020/04/06/die-typenschulung-teil-2/?fbclid=IwAR1ErshGba3rkLCUE8mF6yaU3lfQTB_rJHXI_a9OiPrun9oxKcSlPxagUOY

 

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